Ein kleiner Ausflug in die Geschichte unserer Fachschaft


Mittagszeit vor dem Potthoff-Bau

Es ist sicherlich ungewöhnlich, daß eine Fachschaft einen Namen hat. Aber hinter jeder ungewöhnlichen Sache steckt meistens eine ungewöhnliche Geschichte. Dazu müssen wir etwas in der Historie kramen. Am 8. September 1952 wurde auf der Grundlage eines Beschlußes des Ministerrates der DDR die Hochschule für Verkehrswesen (HfV) in Dresden eröffnet. Hintergrund war damals die Überlegung, daß das Verkehrswesen dringend gut ausgebildete Fachleute sowohl auf technischem als auch ökonomischem Gebiet benötigte. Die damals schon bestehende Fakultät an der Technischen Hochschule Dresden hatte nicht genügend Kapazität, um die Nachfrage befriedigen zu können.

Beim Aufbau der Strukturen der HfV erinnerte man sich an die Leistungen des Nationalökonomen Friedrich List, der im 19. Jahrhundert als erster die große Bedeutung der Eisenbahn für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands erkannte und als Wegbereiter eines einheitlichen deutschen Eisenbahnsystems gilt.

Im Geiste der beiden Wegbereiter eines modernen Verkehrswesens in Deutschland, Friedrich List und Andreas Schubert (Konstrukteur der ersten deutschen Dampflokomotive), wurde an der Hochschule für Verkehrswesen versucht, umfassend zu allen technischen und wirtschaftlichen Belangen des Verkehrs Fachleute auszubilden und in der Forschung neue Wege zu finden, um die anstehenden Probleme im Verkehrswesen zu lösen. Innerhalb eines Jahrzehnts gelang es, eine geachtete Stellung im Hochschulsystem der DDR zu erarbeiten.

In Anerkennung der Erfolge erhielt die Hochschule am 3. September 1962 den Namen "Hochschule für Verkehrswesen 'Friedrich List' Dresden" verliehen.

Bis zu ihrer Abwicklung im Jahr 1992 wurden an der Hochschule für Verkehrswesen über 20.000 Studenten im Direkt- und Fernstudium zum Abschluß sowie über 1.500 Promotionen erfolgreich zu Ende geführt. Gleichzeitig leistete die Ausbildung an der HfV einen wichtigen Beitrag zum Aufbau vieler Länder in der dritten Welt, da deren Verkehrsfachleute in Dresden ausgebildet wurden.

Mit der gesellschaftlichen Wende in der DDR fanden sich an der Hochschule einige Studenten zusammen, die endlich eine wirklich demokratische und wirkungsvolle Vertretung der Studenten schaffen wollten. Mit dem Studentenrat als ostdeutsche Variante der Studentenvertetung wurde eine basisnahe Form studentischer Selbstverwaltung installiert. Der Studentenrat bemühte sich von Anbeginn um ein gutes Verhältnis zur Hochschulleitung. Dieses neu erlernte Miteinanderumgehen war die Grundlage für den gemeinsamen Kampf um die Erhaltung der HfV. In harten und langen Verhandlungen konnten die Vertreter der Studenten gemeinsam mit den Vertretern der Professorenschaft das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst sowie auch die Leitung der Technischen Universität Dresden vom urspünglichen Plan abbringen, die HfV aufzulösen und die Studenten und Dozenten einfach auf die ensprechenden Fachbereiche der TU Dresden aufzuteilen.

1992 beschloß der Studentenrat einstimmig, daß der Name "Studentenschaft Friedrich List" am besten geeignet ist, die Traditionen des deutschen Verkehrswesens und die vierzigjährige Geschichte der HfV als wesentliche Bestandteile der Entwicklung der Verkehrswissenschaft in Dresden zu verdeutlichen.

Auch nach der Abwicklung der Hochschule und der Neugründung der Fakultät Verkehrswissenschaften "Friedrich List" an der Technischen Universität im Oktober 1992 wurde der Name für die Fachschaft beibehalten, um auch den künftigen Studentengenerationen einen Teil unserer eigenen Geschichte vermitteln zu können, auf die jeder Angehörige der Fakultät zu Recht stolz sein kann.

Diplomökonom Frank Kaewert, 23. März 1995